Obdachlose im Alltag
Wie schnell es gehen kann, dass man alles verliert, erlebt man leider immer wieder mit. Menschen werden arbeitslos, verlieren ihre Wohnung und ihren Partner, und schon stehen sie vor den gesellschaftlichen und vor allem sozialen Aus. Wer nun nicht den Mut hat, sich bei sozialen Ämtern zu melden, der ist schnell vergessen. Unter Brücken, in Ruinen und, wenn das Wetter es erlaubt, in Parks finden die Menschen nun ihr Zuhause. Der Anblick, den sie bieten, ist oft nur zu traurig, manchmal reagieren die Menschen sogar mit Entsetzen, wenn ein Obdachloser wieder einmal sein Elend in der Schnapsflasche ertränkt hat. Wirklich helfen mag aber niemand, egal, was die Passanten empfinden.
Oftmals werden die Obdachlosen auch beschimpft. Manche Menschen maßen sich einfach an, zu urteilen, und bezeichnen die Menschen, die auf der Straße leben, als faules und asoziales Pack. Die Geschichte, die dahinter steht, interessiert nicht wirklich, und mag das Schicksal noch so schrecklich sein, das hier dahinter steckt. Klar, man sieht nur einen schmuddeligen Menschen vor sich, der nichts arbeitet, sich nicht pflegt, um Essen bettelt, aber eine Schnapsflasche in der Hand hat. Doch das Warum interessiert kaum jemanden; es wird einfach abgeurteilt und weiter gegangen. Diese Obdachlosen finden nur unter Gleichen Kontakt, jeder andere Mensch meidet sie, wo er nur kann. Selten wirft ein Passat einige Cent in die Hüte oder Schachteln, die vor den Bettlern stehen.
Manche der als Penner bezeichneten, armen Menschen verdienen sich ihren Lebensunterhalt, sofern man die paar Cent so nennen kann, durch das Sammeln von Pfandgut. Mit einer Tüte laufen sie durch die Stadt und sammeln alles ein, was sie an den Pfandautomaten loswerden können. Es kommt dabei täglich eine gewisse Summe zusammen, weil die normal verdienenden Menschen sich keine Gedanken darüber machen, wenn sie 25 Cent einfach auf die Straße schmeißen. Für die Obdachlosen bedeutet diese Tatsache ein Vermögen.
Wer ein Instrument spielen kann, setzt sich in die Fußgängerzonen und spielt. Traurige Lieder erklingen hier oft, mit der Gitarre oder einem alten, kleinen Akkordeon. In den Schachteln, Hüten oder Instrumentenkoffern sammeln sich nur wenige Cent; kaum jemand, der hier im Einkaufswahn vorbeigeht, gibt etwas, und wenn dann nur sehr wenig. Schließlich könnten die Menschen ja arbeiten, denken sich die meisten und eilen vorbei. Noch schlimmer sind diejenigen dran, die einfach nur dasitzen, ein Schild vor sich stehen haben und um Essen betteln. Kinder werden an der Hand weggezogen, als wäre Ansteckungsgefahr auf dem Schild angekündigt und nicht Armut.
Gäbe es nicht öffentliche Hilfseinrichtungen, in welchen ehrenamtliche Helfer aus Spendengeldern Nahrung bereiten, zum Teil ärztliche Hilfe anbieten, und auch einmal ein gutes Wort über haben, würden noch mehr dieser bedauernswerten Menschen verhungern und erfrieren, oder an ihren Krankheiten sterben. Leider reicht das alles hinten und vorne nicht aus, außerdem akzeptiert nicht jeder Notleidende diese Hilfe. So begehen, vor allem, wenn die kalten Wintermonate näher rücken, immer wieder Obdachlose Verbrechen, wie Ladendiebstähle, um über den Winter in Haft genommen zu werden. Sie sehen für sich keinen anderen Ausweg, als in den Gefängnissen wenigstens Essen und Trinken, ein Dach über dem Kopf und ein Bett zu bekommen.
Sicher gäbe es für viele Obdachlose einen Weg zurück in die Gesellschaft. Wie schwer es jedoch ist, sich im normalen Leben zu Recht zu finden, zeigen Rückfällige, die es nach Jahren auf der Straße nicht geschafft haben, sich im normalen Leben zu behaupten. Lieber kehren sie zurück auf die Straße, wo ihnen ein Schicksal gewiss ist: Irgendwann wird man sie finden, wie sie erfroren oder an einer Krankheit verstorben unbemerkt irgendwo tot auf einer Parkbank, in einer verlassenen Nische oder unter einer Brücke liegen. Ein Armenbegräbnis ist alles, was sie noch zu erwarten haben, und schnell vergisst man sie ganz.
